Artikel von Andreas Poppe aus der aktuellen „Korrespondenzen“ Zeitschrift für Theaterpädagogik
über das Podiumsgespräch zum Thema:
„Angekommen!- die Theaterpädagogik entdeckt das intergenerative Theater“

Podiumsgespräch der BuT- Tagung zum Thema: “Zeit(t)räume-Theater zwischen Generationen. Ästhetische Herausforderung oder Sozialdrama, welche Daniela Posada-Bangert mit vorbereitet hat.

 

Angekommen! - die Theaterpädagogik entdeckt das intergenerative Theater
Podiumsgespräch der BuT Tagung zum Thema:
Zeiträume - Theater zwischen den Generationen. Ästhetische Herausforderung oder Sozialdrama?


von Andreas Poppe

Was Freilichttheater, Laientheater und Amateurtheater schon seit 150 Jahren betreiben, entdeckt die Theaterpädagogik nun als Begriff ganz neu. Gelernt und entdeckt wurde bei den ersteren einfach im Vorübergehen, Erfahrungen der Alten und Entdeckungen der Jungen integrierten sich von selbst zum ästhetischen Produkt. Kunst oder Nichtkunst entstand und entsteht da im ,Vorbeigehen", weil man ja etwas vorführen möchte, was beim Zuschauer ankommen soll. Worin unterschied sich also der hier in Berlin gezeigte Ansatz von dem eben beschriebenen?
Hat hier die Theaterpädagogik andere Methoden des Miteinanderseins, Spielens, Lernens entwickelt. Stehen wir vor einem peu entwickelten Paradigma der pädagogisch motivierten Theaterarbeit? Im Folgenden sollen einige Thesen und Statements aus der Diskussion zur Erinnerung skizziert werden. Geht man doch im Vorstand des Bundesverbandes zurecht davon aus, dass dieses Thema die Theaterpädagogik in den kommenden Jahren ernsthaft begleiten wird.
In einem ersten Teil wurden Fragen und Thesen, die in den Workshops aufkamen, von den teilnehmenden Experten erläutert.
Der erste Teil nahm erwartungsgemäß mehr Diskussionszeit in Anspruch. Es ging darum Entwicklungstendenzen, Methoden, Arbeitsansätze des Theaters der Generationen gegeneinander zu stellen. Der zweite Teil dieser sehr engagiert geführten Diskussion, unter der Leitung von Raimund Finke, Geschäftsführer des Bundesverbands, behandelte Aspekte der zukünftigen Rahmenbedingungen des intergenerativen Theateransatzes.
Teil 1
Eine erste Frage aus den Workshops lautete:
Warum jung und Alt oder warum bringt man Jung und Alt zusammen - wie sieht der besondere Weg des generativen Zielgruppentheater aus?

Es ist sinnvoll miteinander über Kunst zu kommunizieren. Davon können beide Seiten, die Alten wie die jungen, viel lernen. Durch die gemeinsame Praxis entstehen Fragen an die ältere Generation: z. B. wieso habt ihr das denn damals so gemacht?
Es gibt vielfältige Gründe diese Form des Theater zu machen u. a. thematische, soziale und künstlerische. Wenn man beispielsweise den Fokus auf Pädagogik legt, dann war es ja lange Zeit so, dass die jungen von den Alten lernten. Dieser Fokus verwischt sich heute oder kann sich auch komplett umdrehen eben das Alte von den jungen bestimmte Alltagsfähigkeiten lernen können. Altsein ist eine Sache der Anschauung und des miteinander Umgehens. Eine Polarisation hier alt dort jung existiert heute kaum noch.
Vor allem sollte diese Arbeit aus der künstlerischen Spannung heraus entwickelt werden, nicht aus pädagogischen Blickwinkeln. Spannung ist der wesentliche Moment der Arbeit. Besteht zwischen den Mitgliedern künstlerische Spannung können ohne Schwierigkeit ästhetische Momente entstehen. Wie in aller Theaterarbeit braucht auch generationsübergreifendes Theater die Auseinandersetzung der Meinungen.
Beide Aspekte jung wie alt spielen sich vor dem Hintergrund der Bühnenästhetik durch das Tempo des Spiels, der Spielführung und der Präsentation der intergenerativen Körperlichkeiten und Persönlichkeiten ein. Es spielt dabei keine Rolle, ob du alt oder jung bist.
Allgemeine sozial-pädagogische Zielsetzungen, wie sie in Antragslyriken erscheinen, müssen auf künstlerische Arbeitsschritte heruntergebrochen werden. Wir haben es mit Menschen zu tun, die zusammenarbeiten wollen und ein gemeinsames Thema erarbeiten. Aus diesem gemeinsamen Gruppenprozess heraus sollen Antworten für gesellschaftliche Fragen angeboten werden. Antworten, mit denen wir uns als Zuschauer auseinandersetzen können. Mein erster Eindruck war, als jugendlicher Mensch hatte ich sofort Zugang über die Bühnensituation. Theater bietet eine schöne Ebene zwischen Menschen. Kann die Austauschebene voll bestätigen. Ich fand es toll, die persönliche Sicherheit der alten Menschen zu erfahren. Die bringt einfach nichts aus der Ruhe.
Wir sollten mit den Begriffen Ästhetik, Kunst oder Pädagogik nicht alles erklären. Es ist wichtig, dass man lustvoll miteinander umgeht, Spaß mit einander hat. Von Bedeutung ist die wirkliche Auseinandersetzung, nicht die Perpetuierung von überkommenen Klischees in künstlerischer wie gesellschaftlicher Hinsicht.

Wollen die Jungen überhaupt mit den Alten spielen?
Natürlich, dass ist aber eine Fragen der Altersspanne. Kinder sind wegen ihren Beziehungen zu Großeltern schneller und unmittelbarer bereit mit alten Menschen umzugehen. Bei Jugendlichen herrschen mehr Vorurteile vor. Bei Letzteren sollte eine künstlerische Absicht vorherrschen. Es braucht Anlässe, um jung und Alt zusammen zuführen. Die gesellschaftliche Situation ist offenbar so, dass jugendliche mit älteren Leuten bei ein- bis zweimaligen Pflichtbesuchen im Jahr, kaum noch Kontakt haben. Wichtig bei der Zusammenarbeit scheint die Sicherheit im Spiel zu sein, die alte erfahrene Spielerinnen für die jugendlichen ausstrahlen. Hier spielt das Thema Scham ebenfalls eine wichtige Rolle.
Die Rolle der im mittleren Alter stehenden, eben die Elterngeneration, steht da außen vor. Sie können den Spielrahmen oder Anlass geben; aber sie sind nicht Zentrum der theatralen Spielbeziehungen.
Ein weiteres Thema aus den Workshops stellt die Arbeit von Pam Schweizer dar. Spielt das Biographische eine große Rolle in der Altenarbeit?
Zum Thema biographische Arbeit ist erst mal zu bemerken, dass die Wahrnehmungen der alten Leute nicht nur den Anfang des letzten Jahrhunderts betreffen, sondern vor allem ihre aktuelle Lebenssituation mit einschließt. Sie erleben sich heute und thematisieren das Gegenwärtige.
Biografische Arbeit als Methode in intergenerativen Theaterprozessen kann sowohl als Lern- und Kunstansatz beschrieben werden und lässt sich als Arbeitsmethode auf alle Altersstufen übertragen. Es geht darum Geschichten zu finden, zu erfinden vor dem Hintergrund der Matrix des eigenen Lebens. Man nimmt die Suche auf, Verschwundenes im eigenen Leben erneut zu generieren, zu entdecken. Nicht selten ereignet sich so ein Sinnwandel des Erlebten. So entstehen durch Zuspitzung auf das biographische Ereignis Alternativerfahrungen.
Jugendliche interessiert die Erinnerungsarbeit älterer Menschen, weil Geschichte sich so als lebendig verifizierbarer für sie darstellt (also wenn Oma von der Hungersnot berichtet oder dem Verlust ihres Geliebten im Krieg). So kann auch eine längst vergangene Lebensbewältigung, die Suche nach dem eigenen adäquaten Lebensweg praktische Unterstützung finden.
Heutige Jugendliche in Europa haben keinen Krieg erlebt. Sie verstehen die Probleme der Kriegsgenerationen nicht! Daher kommt es in dieser Arbeit nicht auf das konkrete Erlebnis an, sondern entscheidend auf die richtige Übertragbarkeit der damals und heute empfundenen Gefühle, positive wie negative z. B. in Gewalt oder Angstsituationen. Hier trifft sich zeitversetzte Erinnerung mit der gemeinsamen Frage: „Wie und was fühlt man in schockierenden oder glücklichen Momenten und lässt sich das ästhetisieren oder darauf adäquate gesellschaftliche Antworten finden?"
Es geht nicht nur ums reine Geschichtenerzählen, sondern darum Stellung zu beziehen, sich befragen zu lassen, Zweifel oder Kritik zuzulassen, die eigene Position zur Geschichte zu zeigen.
Die Thesen aus den Workshops ergaben zum Thema Ästhetik nicht viel Neues. Die meisten Diskussionen rankten sich um alte Debatten wie etwa die Frage nach der Gewichtung von Prozess und Theaterprodukt sowie dem Gebrauch der Authentizität auf der Bühne. Was gibt es zu diesen Begriffen beizutragen?
Zum einen gibt es eine Ästhetik im Seniorentheater, die sich durch Text und Sprechlastigkeit zeigen kann. So scheint das Reimen ein besonderes Vergnügen der Senioren zu sein. Das deckt sich z. B. mit rapproduzierenden Jugendlichen. Es gibt kulturelle Äußerungen beider Altersgruppen, die kombinierbar sind und neue ästhetische Formen entwickeln können. Ist der Gebrauch des Begriffs Authentizität in der Ästhetikdebatte nicht ein hohles Credo und ziemlich scheinheilig. Soll hier nicht mit dem Ruf nach mehr authentischer Darstellung vom Unvermögen und Fehlen darstellerischer Fähigkeiten abgelenkt werden.
Intergeneratives Theater mit nicht professionellen Spielern unterliegt den gleichen ästhetischen Bedingungen wie professionelles Theater. Alle gut inszenierten Theatermittel können zur Produktion herangezogen werden. Auch thematisches oder biographisches Theater soll dem Publikum Spaß bereiten, es muss also wirken, was leider nicht immer
kalkulierbar ist. Publikumsreaktionen sind nicht objektiv und oft mit den eigenen Eindrücken nicht kompatibel. Als Theatermacher fährt man mit einer konstruktiv-kritischen Haltung am besten. Man muss skeptisch sein, wenn etwas mit dem Etikett authentisch dargestellt wird. Authentizität, die sich aus inszenierten Darstellungen ergibt, ist ja kalkulierte Handlung und keine nicht beabsichtigten Bewegung. Es geht um dramaturgisch veranlasste Spielmomente.
Wir brauchen nicht nur ein ästhetisches Mittel sondern eine Vermischung vieler Theatertechniken. Letztendlich stehen diesen Theateransätzen alle ästhetischen Formen zur Verfügung. Warum also einen speziellen Ansatz entscheiden.
Gibt es eigentlich ein typisches Seniorentheater, Altentheater, integratives Theater oder intergeneratives Theater?
Es gibt viele gute Beispiele aber keine Regeln, wie dieses oder jenes themenspezifisch aufzuarbeiten sei. In diesem Sinne mal Peter Brook: Jeder Inszenierungsversuch begibt sich auf die Suche nach Theater. Kein Prozess ist wie der vorhergehende. Die Suche der Gruppe nach dem eigenen Theater ist immer ein neues Abenteuer sowohl in den Spielformen wie den Anlässen. Wortbeitrag aus dem Publikum: Auf der Tagung entstand der Eindruck, dass das alte Paradigma Jugendliche und Kinder sollten von den Alten lernen, uneingeschränkt vertreten wurde. Zu wenig Berücksichtigung fand der Umkehrschluss, dass die ältere Generation von den Erlebnissen der jungen in ähnlicher Weise profitieren könnte. Die theaterpädagogische Beschäftigung mit Altenkultur und dem Wunsch nach Integration und intergenerativer Kultursozialarbeit ist zum Boombegriff avanciert. Und dieses Thema erscheint vor dem demografischen Hintergrund unserer Gesellschaft aktuell zu werden. Somit haben sich Kulturarbeiter auf diese Umstellung der Gesellschaft einzurichten.
Teil 2
Was kann, muss getan werden, um eine bessere Infrastruktur Ar die intergenerative Theaterpädagogik zu ermöglichen.
Intergenerative Theaterarbeit wird von den Kulturbehörden noch nicht adäquat als Zielgruppenarbeit gesehen und gefördert. Sie besitzt somit weitgehend Randgruppenstatus.
Die Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren etc. zum Aufbau von intergenerativen Wohneinheiten hat auch die Debatte um würdiges
Altern neu entfacht. Würdiges Altern bedeutet eben vor allem Kulturarbeit und ein Zusammenführen der unterschiedlichen Alterskulturen unter einem Dach. In NRW gibt es kommunale wie private Initiativen, die die Kultur des alternden Menschen befördern. NRW hat ein Ministerium für Generationen eingeführt. Ein erster Schritt dem demografischen Wandel Rechnung zu tragen. Es wurde sehr deutlich auf den bedauerlichen Mangel hingewiesen, dass politische Vertreter an dieser Tagung nicht teilnahmen!
Was kann der Bundesverband zu einerpositiven Entwicklung des Themas Seniorentheater/Intergenerationentheater zukünftig beitragen?
Durch Verbreitung und Unterstützung von Weiterbildungsangeboten sichern, dass Theaterpädagogen sich weiter qualifizieren, um sich in der handwerklichen Ausgestaltung ihrer Arbeit professionell zu entwickeln. Dazu braucht es eine spezialisierte Ausbildung, Fachlichkeit, die auf Erfahrung und Kenntnisse mit diesem Klientel beruht. - Immer wieder tauchte in dieser Runde der Begriff „Grenzgängertum" zwischen der sozialen und kulturellen Dimension auf. Theaterpädagogen sind „Cross-culture-Macher", und sollen im high end Bereich Kunst mit ihrem Klientel sein und möglichst kein Verlachtheater machen. Es kommt der
Hinweis, Altentheater könnte für die Krankenkassen einen kostensenkenden Effekt haben. Spaß, Bewegung, gemeinsames Agieren lässt alte Menschen weniger an ihre Krankheiten denken.
Es ließe sich durch eine vom BuT organisierte Fachkonferenz, an der Mitarbeiter von Ministerien, Arbeitsagenturen, Krankenkassen, Rentenversicherungen, Kulturämter teilnähmen, dieses Thema zum intergenerativen Theater weiter ausbauen. Regionale oder bundesweite Projekte zu diesem Thema sollen in einer Art Projektbank veröffentlicht werden. Der BuT sollte die Aufgabe übernehmen, die Dokumentationen zu sammeln und allen Mitgliedern zur Verfügung zu stellen.
Auf dem Podium saßen
Dieter Scholz, Freies Werkstatttheater Köln
Uwe Schäfer-Remmele, TPZ Köln und Institut Bildung
und Kultur, Remscheid
Johanna Kaiser, Theater der Erfahrung, Berlin
Gerd Koch, als Vertreter BAG Spiel und Theater, Berlin Raimund Finke, Diskussionsleitung, Geschäftsführer des
BuT, Köln
Daniela Posada-Bangert, BiKo-Mitglied, arbeitet seit langem mit
Senioren, Tagungsvorbereitung
Eckard Friedel, Arbeitskreis Seniorentheater BDAT Stefan Stöck, Workshopteilnehmer und Mitglied eines
Jugendtheaters

Autor: Andreas Poppe, FH Osnabrück/Lingen
23. Jahrgang der Zeitschrift Korrespondenzen
Heft 50
April 2007